Wenn Goll über ihre Vision von Kinderbetreuung spricht, fällt eines sofort auf: Sie weigert sich, Inklusion als ein „Extra“ oder ein Protokoll zu betrachten. Für sie ist sie der Kern allen Handelns von Partou. „Für mich ist Inklusion eine Einstellung“, beginnt sie entschlossen. „Es bedeutet, dass alle Kinder, unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund, ihrem Geschlecht, einer Behinderung oder ihrem sozialen Status, von Beginn an vorbehaltlos zu unserer Gemeinschaft gehören.“
Teilnahme statt bloßer Anwesenheit
Goll unterscheidet in ihrer Arbeit klar zwischen reinem Dabeisein und echtem Mitmachen. Sie spricht lieber von Teilnahme und Mitwirkung. „Ein Kind muss nicht nur physisch anwesend sein; es muss die Umgebung aktiv mitgestalten und eigene Sichtweisen einbringen können“, erklärt sie. Ihrer Meinung nach zeigt sich in diesem Punkt der echte Schritt von Integration zu Inklusion. „Während Integration oft bedeutet, das Kind in die bestehende Struktur einzufügen, kehren wir die Rollen um: Wir gestalten unsere Strukturen so, dass sie aus sich heraus Raum für Vielfalt bieten. Inklusion bedeutet, dass Vielfalt der Standard ist, nicht die Ausnahme.“
Steigende Erwartungen
„Die Welt um uns herum verändert sich schnell, und das spiegelt sich direkt in unseren Gruppen wider. Die Gesellschaft wird vielfältiger; Familien bringen eine Fülle an Sprachen, Religionen und Migrationshintergründen mit. Das erfordert pädagogische Fachkräfte mit viel interkultureller Kompetenz. Gleichzeitig merken wir, dass die Erwartungen an eine inklusive Betreuung steigen. Es wird mehr auf Neurodiversität, Sprachrückstände und psychische Gesundheit geachtet.“
Die große Herausforderung liegt jedoch im Spannungsfeld zwischen diesen Ambitionen und der Realität in den Betreuungsstätten. „Es herrscht ein akuter Mangel an qualifiziertem Personal. Wenn Inklusion gelingen soll, brauchen die Teams strukturelle Unterstützung und praktische Begleitung bei ihrer Arbeit. Wir stellen fest, dass die Qualität der Beziehung zwischen Erzieher oder Erzieherin und Kind mehr denn je der entscheidende Faktor ist.“
Komplexität
Was die Arbeit für Goll besonders komplex macht, sind die großen Unterschiede zwischen den deutschen Bundesländern. „Die Fördermöglichkeiten sind je nach Bundesland sehr verschieden, was wir an unseren Standorten in Hamburg und Nordrhein-Westfalen (NRW) deutlich merken. In Hamburg arbeiten wir mit der
‚Integrativen Kita‘. Das ist ein klar definiertes Modell, für das spezielle Lizenzen und spezialisierte Heilpädagogen vorgeschrieben sind. Der Vorteil ist die enge Zusammenarbeit mit Therapeutinnen und Therapeuten, die oft direkt in die Kita kommen, was für die Familien angenehm ist. Die Kehrseite ist, dass es aufgrund des Mangels an diesen Fachkräften zurzeit sehr schwierig ist, neue inklusive Plätze zu schaffen.“
In NRW ist das System flexibler, was die Hürde für Inklusion senkt, aber die Belastung für die pädagogischen Fachkräfte erhöht. „Dort müssen die Teams das oft selbst auffangen, wodurch der Bedarf an gutem Coaching und Fortbildung nur noch größer wird.“
Der Weg vorwärts
Trotz der Herausforderungen bleibt Goll optimistisch und kämpferisch. „Die Schaffung eines inklusiven Umfelds ist eine Herausforderung. Sie erfordert immer wieder die Beseitigung physischer und sozialer Barrieren, auch wenn die politischen oder finanziellen Vorgaben manchmal im Widerspruch zu unseren beruflichen Ambitionen stehen. Wir lassen uns davon nicht entmutigen und suchen immer nach kreativen Lösungen. Diese Herausforderung gehen wir als Team Tag für Tag miteinander in unseren Betreuungsstätten an.“
Das geschieht auf der Grundlage einer starken organisatorischen Unterstützung: „Wir investieren kräftig in die berufliche Weiterentwicklung unserer Teams und werden dabei von den Abteilungen Operations sowie Pädagogik & Qualität unterstützt. Dabei betrachten wir immer den Kontext der gesamten Familie. Entwicklungspläne erstellen wir zusammen mit den Eltern, damit sich alle gehört und gestärkt fühlen: das Kind, die Eltern und unsere Mitarbeitenden.“
Abschließend sagt Goll: „Letztendlich geht es um mehr als Protokolle oder Landesvorschriften. Es geht um die Entschlossenheit, jedes Kind anzuschauen und zu sagen: ‚Du gehörst dazu, genau so, wie du bist.‘ Denn echte Inklusion gelingt erst dann, wenn wir aufhören, sie als zusätzliche Aufgabe zu betrachten, und sie einfach in allem mitschwingen lassen, was wir tun.“